
KOCH—STUBE INTERNATIONAL
Vietnam

Die vietnamesische Küche lebt von Balance und Gemeinschaft. Viele Gerichte entstehen nicht allein in der Küche, sondern mitten am Tisch. Genau das brachte Huong Trute im Dezember mit in die SPINN—STUBE.
„Das ist bei uns in Vietnam so, dass man zusammen am Tisch sitzt und jeder kocht für sich in der Brühe.“ (Huong Trute)
Das vietnamesische Fondue – Lẩu – ist kein schnelles Essen, sondern ein Ritual. Brühe, Kräuter, Fleisch und Gemüse werden vorbereitet, doch das eigentliche Kochen geschieht im Gespräch.
VIETNAMESISCHES FONDUE (LẨU)
Ein gemeinschaftliches Gericht, das in Vietnam besonders für Geselligkeit steht. Eine aromatische Brühe bildet die Grundlage, in der Fleisch, Gemüse und Nudeln direkt am Tisch gegart werden. Essen wird hier zum Austausch – langsam, kommunikativ und verbindend.
Zubereitungszeit: ca. 60 Minuten
Portionen: 4–6 Personen
Zutaten
Für die Brühe
Für das Fondue am Tisch
Zubereitung
"Essen ist bei uns sehr wichtig. Man sitzt zusammen, man spricht, man nimmt sich Zeit." (Huong Trute)
Redaktionelle Einordnung
Lẩu steht in Vietnam für gemeinsames Essen. Die Brühe wird vorbereitet, doch das eigentliche Kochen geschieht am Tisch. Jede Person entscheidet selbst, was sie hineingibt und wie lange es gart. So entsteht nicht nur ein Gericht, sondern ein Abend im Gespräch.
Zwischen Krieg, Sozialismus und Harzer Wald
Der Abend mit Huong Trute von Janek Liebetruth
Als Huong Trute in der SPINN—STUBE von ihrem Leben erzählte, wurde schnell deutlich: Ihre Geschichte ist keine einfache Migrationsgeschichte. Sie ist ein Weg durch Weltpolitik, Systemwechsel und persönliche Entscheidungen.
Vietnam war in ihrer Jugend kein fernes Schlagwort aus Geschichtsbüchern, sondern Realität eines Landes im Schatten des Krieges. Später nach 1989 sah sie im vereinigten Deutschland Vietnamkriegsfilme – und bemerkte, wie sehr dort alles aus amerikanischer Perspektive erzählt wurde. „Es war so dargestellt aus der Sicht der Amerikaner,“ sagt sie. In diesen Filmen hörte sie die amerikanischen Soldaten – die GIs – immer wieder rufen: „Da war das immer so, dass die GI, wenn sie diese Untergrundkämpfer sahen, dann riefen sie immer VC, VC, die Abkürzung von Vietnamesischen Kommunisten.“ VC – gesprochen englisch „Vi Si“. In den Filmen klang das wie „Fitschi“.
Sie sagt selbst: „Nein, das ist meine Erklärung.“ Es ist keine historische Beweisführung, sondern der Versuch, ein verletzendes Wort einzuordnen – es nicht einfach stehen zu lassen. Denn die Kränkung war real.
„Wir waren auch der Meinung, das war ein Schimpfwort. … Wir waren richtig gekränkt.“
Und in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit hieß es schnell:
„Also ist wieder der "Fitschi" schuld.“
Ihr Weg nach Deutschland begann jedoch lange vor diesen Erfahrungen. Sie kam im Rahmen der wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Vietnam und der DDR.
„Im Rahmen des RGWs hat die DDR uns sozusagen für den Aufbau in Vietnam ausgebildet.“
Der RGW – Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe – regelte die Kooperation sozialistischer Staaten. Vietnamesische Arbeitskräfte wurden ausgebildet, um später beim Wiederaufbau ihres Landes mitzuwirken. Sie kam also nicht als klassische Migrantin, sondern als Teil eines staatlichen Programms. Rückblickend sagt sie nüchtern: „Vieles hat die DDR sehr gut gemacht.“
Nach der Wende kehrte sie zunächst nach Vietnam zurück. Doch ihr Weg führte sie erneut nach Deutschland – diesmal aus eigener Entscheidung. Kurz nach 1990 eröffnete sie in Hasselfelde das Restaurant „Lotus“. In einer kleinen Harzstadt, geprägt von Wald, Bergbaugeschichte und überschaubaren Strukturen, war das ein mutiger Schritt.
Warum ein chinesisches Restaurant – und kein vietnamesisches?
Ihre Antwort ist pragmatisch. In den 1990er-Jahren war chinesische Küche in Deutschland bereits bekannt. Vietnamesische Küche hingegen kaum. Wer wirtschaftlich bestehen wollte, musste auch strategisch denken. Das „Lotus“ war keine kulturelle Aufgabe, sondern eine kluge Entscheidung, um Akzeptanz zu schaffen.
Sie erzählt vom Harz als einer völlig anderen Welt: kühle Winter, stille Wälder, klare Luft. Im Kontrast dazu steht Vietnam – warm, grün, dicht, lebendig. Dort gehören Märkte, Motorroller, Reisfelder und große Familienstrukturen zum Alltag. Gemeinschaft ist selbstverständlich.
Und genau diese Haltung brachte sie mit.
„Essen ist bei uns sehr wichtig. Man sitzt zusammen, man spricht, man nimmt sich Zeit.“
Zwischen tropischem Vietnam und winterlichem Harz entstand so eine neue Biografie. Aus der Vertragsarbeiterin wurde eine Unternehmerin. Aus dem „Lotus“ in Hasselfelde wurde später das „Orchidea Huong“ in Wernigerode. Jahrzehnte später wurde sie sogar als Ehrengast zu einem Staatsbesuch mit Bundespräsident Steinmeier nach Vietnam eingeladen – ein stilles Zeichen dafür, wie sich persönliche Lebenswege mit politischer Geschichte verweben können.
Ihr Umgang mit Rassismus ist dabei bemerkenswert ruhig. Sie analysiert, ordnet ein, sucht Zusammenhänge – ohne Bitterkeit, aber mit Klarheit. Ein Wort kann verletzen, sagt sie indirekt. Aber es definiert nicht, wer sie ist.
Der Abend zeigte:
Vietnam ist mehr als Kriegsgeschichte.
Migration ist mehr als Ankunft.
Und der Harz ist längst auch Teil vietnamesischer Lebensrealität.
Am Ende blieb nicht nur der Geschmack des vietnamesischen Fondues.
Es blieb die Geschichte einer Frau, die drei politische Systeme erlebt, zwei Kontinente verbunden und sich im Oberharz eine unternehmerische Existenz aufgebaut hat.
Nicht laut. Aber dauerhaft.
