HISTORIE

Die Spinnstube – in manchen Regionen auch Lichtstube, Kunkelstubeoder Rockenstubegenannt – war vom Spätmittelalter bis ins 19. Jahrhundert ein zentraler sozialer Ort in vielen ländlichen Gemeinschaften. Der Begriff bezeichnete ursprünglich einen Raum, in dem vor allem junge, unverheiratete Frauen in den Wintermonaten abends gemeinsam Handarbeiten verrichteten – allen voran das Spinnen von Flachs, Hanf oder Wolle an Rocken und Spinnrad. Doch die Spinnstube war weit mehr als nur ein Arbeitsplatz: Sie war ein Treffpunkt, Lernort und Kommunikationszentrumdes Dorfes.¹


Sozialer und kultureller Mittelpunkt

Die Abende in der Spinnstube boten Gelegenheit, handwerkliche Fertigkeiten zu erlernen, sich über Neuigkeiten auszutauschen und Brauchtum zu pflegen. Musik, gemeinsames Singen, Tanz und Erzählrunden begleiteten die Arbeit.² In vielen Gegenden war es üblich, dass auch junge Männer die Spinnstuben besuchten – offiziell, um beim Anzünden der Öllampen oder beim Holen von Wasser zu helfen. Inoffiziell boten diese Abende jedoch auch Raum für Freundschaften, Flirts und spätere Eheschließungen.³


Regelungen und Konflikte

Gerade diese gesellige Komponente rief häufig die Obrigkeit auf den Plan. Seit dem 16. Jahrhundert wurden in vielen Regionen Spinnstubenordnungenerlassen, die den Ablauf, die Teilnehmer*innen und die Aufsicht regelten. Eine „Spinnstubenmutter“ oder ein „Stubenherr“ überwachte das Geschehen, um „Unfug“ und „sittenwidriges Verhalten“ zu verhindern.⁴ Besonders im 18. und 19. Jahrhundert kam es vermehrt zu Verboten oder strikten Reglementierungen, wenn Behörden befürchteten, dass die Spinnstuben zu Orten „unsittlicher Zusammenkünfte“ würden.⁵


Wirtschaftliche und bildende Funktion

Neben ihrer sozialen Bedeutung hatten Spinnstuben auch eine ökonomische Funktion: Sie dienten der gemeinschaftlichen Produktion von Garnfür die Herstellung von Kleidung und Hauswäsche – ein wichtiger Beitrag zur Selbstversorgung in einer Zeit vor der industriellen Textilfertigung. Darüber hinaus waren sie Orte informeller Bildung: Das Erzählen von Märchen, Sagen und historischen Begebenheiten prägte das kulturelle Gedächtnis der Dorfgemeinschaft und trug zur Weitergabe von Sprache und Dialekten bei.⁶

Rückgang im 19. Jahrhundert

Mit der Industrialisierung und der wachsenden Verfügbarkeit von Fabrikgarn verloren Spinnstuben zunehmend ihre wirtschaftliche Funktion. Gleichzeitig wandelten sich die Formen geselliger Zusammenkünfte. Bis Ende des 19. Jahrhunderts waren sie vielerorts verschwunden oder hatten sich in andere Vereine, Abendgesellschaften oder Gesangsrunden transformiert.⁷


Quellen

1 Cordes, Albrecht: Stuben und Stubengesellschaften in spätmittelalterlichen Städten. Köln: Böhlau, 2000.

2 Naegele, Anton: Schwäbische Kunkelstuben. Ihr Brauchtum und ihre Bekämpfung. Stuttgart: 1938.

3 Wagner, Dieter: „Obrigkeitliches Vorgehen gegen den Spinnstuben-Unfug im Untereichsfeld“, Eichsfelder Heimatzeitschrift54 (2010).

4 Mittelalter-Lexikon: „Spinnstube“.

5 Naegele 1938, S. 54–66.

6 Wagner 2010, S. 5–8.

7 Meyers Großes Konversations-Lexikon, 6. Aufl., Leipzig/Wien 1905.

ImpressumJetzt anrufenE-Mail sendenUns finden
unsplash